Glaube kultiviert den Menschen

Die Grazer Stadtschreiberin Radka Denemarková im Sonntagsblatt-Gespräch mit Alois Kölbl und Gertraud Schaller-Pressler.

© Gerd Neuhold, SONNTAGSBLATT

Die Liebe und den Tod: Beides „kann man im Leben nicht planen“, erkannte Radka Denemarková auf dem Schloßberg. - Gerd Neuhold, SONNTAGSBLATT


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Ihr Lebenswerk vollendete die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková (*1968 in Prag) in Graz: einen tausendseitigen Roman, der sich mit verfolgten Menschen in China befasst. Ein Jahr lang lebte und arbeitete die Autorin als Grazer Stadtschreiberin im Cerrini-Schlössl am Schloßberg.

Wie wird man Grazer Stadtschreiberin?

Im September 2016 war ich in Graz zu einer Diskussion über Populismus und Politik eingeladen. Eine Veranstaltung, die ich noch in lebhafter Erinnerung habe, weil damals auch ein Rechtsradikaler dabei war. Die Diskussion wurde sehr heftig. Es war meine erste öffentliche Veranstaltung, bei der Polizeischutz notwendig war. Damals hat man mir von der Möglichkeit der „Grazer Stadtschreiberin“ erzählt, aber es war zu der Zeit keine Option für mich, weil ich alleinerziehende Mutter bin. Inzwischen studiert mein Sohn in Italien und meine Tochter in Dänemark, und so habe ich mich beworben.

Das war irgendwie ein Geschenk vom Himmel, dass man mich genommen hat. Ich habe gar nicht damit gerechnet. Ich konnte hier meinen Roman zu Ende bringen, mein Lebenswerk, an dem ich schon drei Jahre gearbeitet hatte. Normalerweise hätte ich noch zwei Jahre daran geschrieben. So hat das angefangen, es ist eine neue Phase in meinem Leben, denn selbstverständlich waren bisher die Kinder an erster Stelle, und jetzt ist es wieder die Literatur, weil die Kinder ihrer eigenen Wege gehen.

Die Uhr an der Wand hier im Raum ist stehengeblieben. Fast ein Symbol dafür, dass man hier oben am Grazer Schloßberg in eine andere Welt eintaucht. Hat das auch Auswirkungen auf dein Schreiben?

Ja, sicher, sehr gut beobachtet! Das macht natürlich etwas mental. Die Einsamkeit war sehr wichtig beim Schreiben. Nach ein paar Wochen hier oben am Berg stand die Zeit, da war nur mehr der Roman, an dem ich schrieb, und ich wusste nicht, ob Montag oder Mittwoch ist. Im Roman gibt es Passagen, die sehr intuitiv sind, und solche, die eher philosophierend sind, sozusagen mit Abstand über das Leben nachdenken.

Ich habe auch viel über mich selbst nachgedacht in dieser Situation, die ich einfach als Geschenk betrachte. So etwas kann man nicht einfach machen oder bewusst herstellen. Zwei Sachen kann man im Leben nicht planen: die Liebe und den Tod.

Du hast deine Kindheit und Jugend in einem System verbracht, das nicht frei war. Prägt das auch deine Literatur?

Ja, das prägt mein Schreiben sehr! Die Bücher, die wir zu Hause im Keller hatten und von denen ich wusste, dass ich die Autoren in der Schule nicht erwähnen durfte. Ich habe schon als Kind Englisch und Deutsch gelernt. Das war der Wunsch meines Vaters. Von meiner Deutschlehrerin habe ich das erste Mal von der deutschen Kultur in Tschechien gehört.

1986 ging ich zum Studium nach Prag, das war eine sehr prägende Zeit für mich. Meine Eltern ließen mich taufen, für sie war das ein Akt der Freiheit gegen das politische System. Ich bin ihnen sehr dankbar dafür. Mein Vater war Lehrer, hatte aber auch Violine studiert und in der Kirche Geige gespielt.

 

Wie erlebst du das Tschechien der Jetztzeit?

Im Blick auf Europa habe ich in den letzten Jahren zwei Dinge erlebt, die mich persönlich schockieren: den Brexit und die Entwicklungen in den Ländern Osteuropas. Nach dem Fall der Mauer und der Aufnahme in die EU wurde zunächst alles von Westeuropa aufgenommen, und nun verhalten wir uns wie Pubertierende. Was vor Jahren noch nicht vorstellbar war, ist nun gesellschaftliche Wirklichkeit geworden: Nationalismus, Rassismus und sogar Antisemitismus sind wieder da, obwohl es so wenige Juden in Tschechien gibt. Man vergisst so schnell, dass die hart erarbeitete Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist!

 

In deinem Roman erzählst du die Geschichte von Gita, einer jungen jüdischen Frau, die in ihr Heimatdorf in Tschechien zurückkehrt. Spiegelt sich darin auch Realgeschichte?

Mir geht es beim Schreiben um Modellsituationen, die sich grundsätzlich vor anderen historischen Kulissen auch in anderen Ländern ereignen könnten. In der Tschechoslowakei war es nach dem Zweiten Weltkrieg jedenfalls so, dass niemand die ganze Wahrheit wissen wollte, alle wollten sich nur als Opfer der Nazis sehen. In meinem Schulunterricht war es kein Thema, dass in unserem Land Deutsche und Tschechen über Jahrhunderte gemeinsam gelebt haben, da war vielmehr davon die Rede, dass die Deutschen, die mit den Nazis gekommen waren, vertrieben wurden. Man hörte auch nie etwas davon, dass deutschsprachige jüdische Familien, die wieder zurückgekommen waren, gleich als Nazis beschimpft wurden. Darum geht es in diesem Roman, in dem die Heldin aber nicht einfach nur „die Gute“, sondern eine sehr ambivalente und vielschichtige Persönlichkeit ist.

Dein neuer, hier in Graz entstandener Roman spielt in China …

Ja, aber eigentlich geht es um europäische Werte! In China ist es den Menschen absolut egal, dass es Zensur gibt. Das hat mich sehr überrascht. Ich habe ja die Zeit der Zensur in der Tschechoslowakei noch erlebt. Ich habe mir die Frage gestellt, wie die Geschichte 
verlaufen wäre, wenn der Kommunismus 
in Europa auch wirtschaftlich funktioniert hätte. Wären die Menschen dann zufrieden gewesen, und hätte es keine Wende gege-
ben?

Václav Havel wird in Tschechien heute auch ausgelacht, und in China ist er verboten. Er ist ja auch Vorbild für chinesische Dissidenten. Er hatte die Möglichkeit, Asyl in der Schweiz zu bekommen. Aber er hat das abgelehnt und war dann vier Jahre im Gefängnis. Er war der Überzeugung, im Land kämpfen zu müssen. Um diese Themen geht es dem Roman.

Welche Rolle könnten die Kirchen für die Werte haben, die dir wichtig sind?

Für mich selbst ist Unabhängigkeit wichtig. Darüber habe ich auch einen Text geschrieben. Gesellschaftlich brauchen wir Institutionen wie die Kirchen mehr denn je! Für Menschenwürde, Menschlichkeit, Empathie und Mitleid und für die vertikale Achse, die so wichtig ist für unser Leben. Wenn Menschen die Vertikale haben, dann sind sie weise und nehmen das Leben, wie es kommt; wenn nicht: Panik, Angst, Zorn, Wut, die anderen sind schuld.

Ich habe einen sehr guten Freund, der evangelischer Pastor ist. Für meinen Sohn war er ein sehr wichtiges Vorbild. Glaube kultiviert den Menschen. Wir brauchen Persönlichkeiten wie Papst Franziskus, die Werte vermitteln. Dieser Papst kommt genau zur richtigen Zeit. So wie Václav Havel für seine Zeit wichtig war.

 




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